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DIE NEUNZIGER! - Erlebnisbildlichkeit 1989-2001 in Produktwerbung und Multimediadesign

 

Wellen

Selbst kanonische, scheinbar zeitlose Werke der Kunst können durch grundlegende mediengeschichtliche Wandlungen neue Dimensionen hinzugewinnen. Nicht allein politische oder ästhetische Umbrüche, auch neue Bildtechniken prägen das Nachleben eines Meisterwerkes, das unter gewandelten Bedingungen des Sehens und Erlebens seine Bedeutung nicht verliert. Zu einer solchen Bildgeschichte des Meisterwerkes zählt das Layout einer CD-ROM der Bridgeman Art Library von 1998. Als Fotosammlung vergleichsweise jung, ist das 1972 gegründete Londoner Institut eine kommerzielle Bildagentur mit Beständen zur Kunst, Geschichte, Kultur- und Wissenschaftsgeschichte.

 

1998 entschloss sich diese Firma zur Produktion eines Bestandskatalogs mit etwa 100.000 Nummern in Form einer CD-ROM. Um trotz des zu erwartenden weiteren, raschen Wachstums der Bestände mit diesem Katalog „complete“ (so dessen Titel) bleiben zu können, beschränkte sich die Auswahl auf die Meisterwerke der Weltkunst und stellte sich als eine „unvergleichliche Sammlung der bedeutendsten Kunstwerke der Welt“ dar.

 

Covers

Das Coverbild dieser CD-ROM, die weltbekannte „Große Welle von Kanagawa“ aus der Serie „36 Arten, den Fuji zu sehen“ von Katsushika Hokusai (1760-1849), wird daher zunächst kaum verwundern (Abb.2) . Charakteristisch für die 1990er Jahre ist dieses oft reproduzierte Bild jedoch,  weil es als Titelbild des Kataloges eines online verwalteten Bilderdienstes in eine Ikonologie der Digitalisierung einzugliedern ist.

 

Aus dieser Sicht wären die Ruderer auf Hokusais Graphik auch als "Surfer" und Internet-Nutzer anzusehen. In etlichen Varianten ist das Motiv der Welle und des Strudels auf Titelblättern von Computerzeitschriften (Abb.9), Anzeigen für Hardware oder Plakaten für Computer-Messen zu finden. Ein sich selbst erklärender Beleg für dieses icon des Medienumbruchs nach 1989 stellt das Cover von „WebGraphics“, eines Software-Produkts der Firma „Corel Draw!“ von 1996 dar (Abb.1). Es handelt sich um ein Programm zur Erstellung von Websites. Sie sind auf der Verpackung als Bälle oder Blasen verbildlicht, die den Erdball wie eigene kleine Welten umkreisen.

 

Surfen

Als würde es sich um Vorlagen des kreisrunden Bildausschnitts auf dem Cover der Bridgeman-CD-ROM von 1998 handeln, sind auch diese kleinen monadenartigen Blasen auf dem Software-Cover zwei Jahre zuvor von aufgepeitschten Wogen und Wellen erfüllt. Wie verbreitet Wogen und Wellen in der Bildkultur der Jahre waren, in denen sich das Internet nach und nach als Massenmedium durchsetzte, bezeugt die Hülle einer populären Musik-CD von 1994 (Abb.3) .

 

Auch durch das wiederkehrende Motiv der Ruderer oder Surfer sind die Bilder miteinander vergleichbar. Die Direktheit, mit der das „Surfen“ im Internet auf diesen drei Covers visualisiert worden ist, mag aus der Distanz oberflächlich wirken. „Datenstrom“ oder „Bilderflut“ sind jedoch ein für die 1990er Jahre typischer neuer Bilderkreis, der auch kanonische und scheinbar vertraute Kunstwerke wie die Flutwelle von Hokusai erfasste.

 

Verweigerungen

Aufwendige Gestaltungen wie die Box des Bridgeman-CD-ROM-Kataloges von 1998 sind wertvolle Teilstücke einer Bildgeschichte der Neuen Medien. Nicht alle Anbieter von Software - oder Datenbankprodukten suchten auf diesem Niveau nach technischen Darstellungen und einer digitalen Ästhetik.

 

Deren Verweigerung ließe sich am Beispiel des Cover-Designs von Multimediaprodukte des Saur-Verlages, der in den 1990er Jahren in Deutschland  zahlreiche digitale Bestandskataloge von Museen und Sammlungen herausbrachte (Abb.5) , verfolgen. Institutionen erkennen die technischen Möglichkeiten digitaler Bestandserschließung früh, öffnen sich der damit zusammenhängende Ästhetik aber nur zögerlich, wie ein besonders prägnantes internationales Beispiel belegt (Abb.4) .

 

Das Objekt stammt ebenfalls aus Großbritannien und ist etwa gleichzeitig mit dem Katalog des Bridgeman-Services entstanden. Auch in diesem Fall sind es ein Klassiker der Kunstgeschichte und seine weltbekannten Meisterwerke, die zu Repräsentationszwecken digital reproduziert und verwertet worden sind. Der Bildschirmschoner „Holbein“, den die National-Gallery in London 1997 in das Angebot seines Museumsshops aufnahm, wirkt seinem Layout nach jedoch etwas lustlos. Höchstens die Gestaltung des Namens „Holbein“ in kursiver Schrift verrät etwas von der digitalen Dynamik dieses mit „HOLBEIN.EXE“ zu startenden Programms. Es bietet drei Gemälde des Meisters in hoher Auflösung und regt mit der Möglichkeit selbst gewählter extremer Detailvergrößerungen zur „Entdeckung“ der Meisterwerke an.

 

Kunst erleben

„Kunst erleben“ ist eine ebenfalls 1998 erschienene Multimedia-CD-ROM aus Deutschland übertitelt (Abb.11) . Als digitale Einführung in die Epoche des Jugendstils und der Kunst um 1900 ist diese CD-ROM Teil einer ganzen Reihe von „multimedialen Wegweisern zur Kunst“, die mit diesem Slogan überschrieben ist. „Kunst erleben“, „Kunst neu erleben“ oder „Entdeckungen“ versprechen zahlreiche kunsthistorische Multimedia-Produkte der 1990er Jahre. Die Serien heißen „Explorer“ oder „Voyager“. Das Layout des Covers der Jugendstil-CD-ROM von 1998 zeigt, was diese digitalen Entdeckungsreisen so neu und einzigartig macht. Zu sehen ist ein kanonisches Objekt in unterschiedlich starken Vergrößerungen.

 

Mit der revolutionären Tiefenschärfe digitaler Reproduktionen wurde der bereits von André Malraux in seinem „Imaginären Museum“ methodisch benutzte Effekt der Neuentdeckungen vertrauter Meisterwerke durch überraschende Vergrößerungen ihrer Details auf eine neue Stufe gehoben. Die Zoom-Funktionen der CD-ROMS erlaubten einen buchstäblich vertiefenden, faszinierend nahen Blick auf oder in die Bilder.

 

Das Cover einer CD-ROM der National Gallery of Art in Washington/ USA über „Jan Vermeer – an Exploration of the artist & his techniques“ verdeutlicht, dass diese extreme Annäherung und Nahsicht auf die Details von Kunstwerken auch einen schweifenden Blick ermöglichte (Abb.6) . Er hätte dem kunsthistorischen Spurensucher Giovanni Morelli, von dessen detektivischer Suche nach signifikanten Nebensächlichkeiten eines Gemäldes wie Fingernägel oder Ohrläppchen das Cover der Washingtoner CD-ROM inspiriert zu sein scheint, wohl gefallen.

 

Augen

„Ultra-hohe Auflösungen“ (so der Text der CD-ROM aus Washington) ließen den Betrachter  in die Tiefen und Details eines Kunstwerkes „eintauchen“. Diese technischen Möglichkeiten der digitalen Annäherungen machten CD-ROMS zu Beobachtungserlebnissen und Schulen des Sehens. Sie haben im Motiv des Auges eine eigene Ikonologie gefunden, wie die digitale Monographie der Gemäldegalerie Berlin über Petrus Christus (1998) als eines von zahllosen Beispielen bezeugt (Abb.8) . Die CD-ROM der Reihe „Kunst erleben“ über „Jugendstil“ hat denn auch das Auge in extremer Vergrößerung zum bildbestimmenden Detail gemacht.

 

Digitale Bildgeschichte

Augen und Wellen sind die vielleicht signifikantesten Beispiele für die Bildgeschichte digitaler Medien in den 1990er Jahren. Diese Bilderkreise umfassen nicht nur die Welt der Computer und CD-ROMS, sondern greifen wie das Internet und die Computer selbst tief in den Alltag und dessen Bildwelten ein (Abb.7) . Mit dem Motiv des Auges verbindet sich daher auch eine Ikonologie der modernen „Erlebnisgesellschaft“, die der Soziologe Gerhard Schulze in seiner gleichnamigen einschlägigen Studie 1993 vor allem auch mit einer Ästhetik des forschenden Beobachtens identifiziert hat.

 

Die Hauptleistung einer solchen digitalen Bildgeschichte und der Erforschung der damit zusammenhängenden „Erlebnisbildlichkeit“ in den 1990er Jahren liegt darin, den Weg der Etablierung Neuer Medien zu Massenmedien nachzeichnen zu können. Die Annäherung und wechselseitige Anpassung von Mensch und Maschine ist, trotz der immer wieder geschmähten so genannten „Bilderflut“, auch durch Visualisierungen und mit Hilfe von Bildern gelungen. Zur Erforschung dieser visuellen Transformation ist mit dem Aufbau der Bild-Datenbank „Die Neunziger“ durch Studenten des Kunsthistorischen Seminars der Philipps-Universität Marburg die Grundlage gelegt worden.

 

Herzlichen Dank an die Studenten des Seminars „Das Dokumentarische 1989-2001. Bildgeschichtliche Fallstudien einer Umbruchszeit“ am Kunsthistorischen Institut der Philipps-Universität Marburg im WS 09/10 sowie Carsten Reimann und Angela Kailus / Bildarchiv Foto Marburg.