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LANDNAHME! - Prag in Fotografien während der deutschen Besatzung in Reiseführern aus der Sammlung von Andrea Schutte.

 

Legitimationen

Nachdem Adolf Hitler am 16. März 1939 von der Prager Burg aus die Errichtung des „Protektorates Böhmen und Mähren“ verkündet hatte und somit der 1918 gegründete demokratische multinationale tschechoslowakische Staat ad acta gelegt worden war, okkupierten die Nationalsozialisten nicht nur die von ihnen so genannte „Rest-Tschechei“ (ohne die Slowakei, die am 14. März 1939 ihre Unabhängigkeit ausgerufen hatte), sondern auch die Kunst und Kultur ihrer Bewohner.

 

Diese durch den Völkerrechtler Carl Schmitt in „Der Nomos der Erde“ (1950) noch nach 1945 ideengeschichtlich verteidigte „Landnahme“ wurde vom deutschen Faschismus als das angeborene Recht  eines höher stehenden Volkes gegenüber den auf einer niedrigeren Kulturstufe stehenden Einwohnern des annektierten Landes betrachtet.

 

 

Als Mittel zur Rechtfertigung dieser Ideologie dienten auch die seit den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts erschienenen literarischen Werke, Kunstführer und Bildbände, in denen die Bedeutung der Deutschen bei der Errichtung der wichtigsten und größten Städte, dem Aufbau eines Staatswesens und insbesondere ihr Anteil an der Kultur und Kunst des Landes hervorgehoben wurde.

 

Die kulturellen Errungenschaften der tschechischen Bevölkerung durften in den Augen der Nationalsozialisten nicht existieren. Die Beschreibungen derartiger Kunst-Bände endeten meist im 19. Jahrhundert, das Alte wurde hervorgehoben, das rein Deutsche zum Nonplusultra erklärt. Diese auch als Reiseführer verwendeten Werke haben die Geschichte für die Zwecke der Nationalsozialisten umgeschrieben, die Wissenschaft half dabei, die „Landnahme“ zu legitimieren.

 

Berlin - Wien - Prag

Einer dieser Bildbände ist der 1941 im Deutschen Kunstverlag Berlin in der Reihe „Deutsche Lande - Deutsche Kunst“ erschienene Band „Prag. Beschrieben von Karl M. Swoboda, aufgenommen von Helga Glassner“, herausgegeben „mit Unterstützung des Herrn Reichsprotektors in Böhmen und Mähren“.

 

 

Wie kam es zu dieser Widmung? Der Autor des Buches, Karl Maria Swoboda (*1889 Prag, †1977 Rekawinkel bei Wien), damals Direktor des Kunsthistorischen Instituts der Deutschen Universität in Prag, unterhielt gute Kontakte zum Reichsprotektor Konstantin von Neurath. So nahm Swoboda z.B. kurz vor der Neueröffnung der Nationalgalerie im Frühjahr 1941 eine – persönlich durch von Neurath angeordnete – Revision der Exponate vor und änderte deren Beschriftungen (siehe: Vít Vlnas: Josef Cibulka (1886-1968) Kunsthistoriker. Zwischen Resistenz und Zusammenarbeit. In: Monika Glettner/Alena Míšková (Hrsg.): Prager Professoren 1938-1948. Zwischen Wissenschaft und Politik. S. 169.).

 

Diese Zusammenarbeit kam wohl zustande durch Swobodas Kontakte zu Josef Cibulka, 1939-1945 Direktor der Nationalgalerie. So hatte Swoboda in der Einkaufskommission der Nationalgalerie das entscheidende Wort. Karl Maria Swoboda war laut Jan Björn Potthast auch eine „der wichtigsten Personen in der (Beute-)Kunstszene im Protektorat (…). Er war nicht nur der Direktor des Kunsthistorischen Instituts an der Karlsuniversität, sondern auch der Kurator der Deutschen Sektion der Modernen Galerie in Prag. Gleichzeitig hatte er einen guten Draht zum Reichsprotektor.“ (siehe: Jan Björn Potthast: Das jüdische Zentralmuseum der SS in Prag. Gegnerforschung und Völkermord im Nationalsozialismus. Frankfurt/New York 2002, S. 202).

 

Bildpolitik

Potthast erwähnt in diesem Zusammenhang auch den Prag-Bildband und sein Zustandekommen: „Mit seiner [des Reichsprotektors; A.Sch.] Unterstützung veröffentlichte er [Swoboda; A.Sch.] 1941 im Deutschen Kunstverlag in Berlin einen schmucken Bildband über Prag. Dieses Buch ist insofern bemerkenswert, als es im Gegensatz zu den meisten Reiseführern, die jemals vor oder nach der deutschen Besatzungszeit geschrieben wurden, alle Sehenswürdigkeiten Prags ausführlich in Wort und Bild darstellt – nur nicht die jüdischen Denkmäler. Diesem Buch zufolge gab es kein jüdisches Prag, keine Josefstadt, keinen alten Friedhof und keine Altneusynagoge.“

 

Diese Anmerkung allerdings stimmt nicht ganz, da Swoboda auf Seite 14f. die Altneusynagoge erwähnt – er verfolgt mit dieser Textsequenz jedoch offensichtlich den Zweck, die Bautätigkeit deutscher Meister in Prag im 13. Jahrhundert in den Vordergrund zu stellen und nicht die Leistung der jüdischen Gemeinde als Bauherr.

 

Auch zum Nachfolger von Neuraths, dem Stellvertretenden Reichsprotektor Reinhard Heydrich, unterhielt Swoboda gute Beziehungen: „Heydrich schien besonders viel von Swoboda gehalten zu haben. Das Ahnenerbe plante, Grabungen auf dem Hradschin zu unternehmen. Heydrich bestimmte Swoboda als den „besten deutschen Kenner der Baugeschichte der Burg“ zum wissenschaftlichen Gesamtleiter“ (Potthast, S. 202).

 

 

Weibliche Männlichkeit

Die Fotos des Bildbandes stammen von der damals 30jährigen Fotografin Helga Glassner (*1911 Mährisch-Ostrau, †1998 Stuttgart, verheiratete Schmidt-Glassner), mit der Swoboda bereits 1940 für den Band „Peter Parler. Der Baukünstler und Bildhauer. Mit 112 Bildern nach Aufnahmen von Helga Glassner. Verlag Anton Schroll & Co. in Wien“ zusammengearbeitet hat.

 

Der Aufnahmestil Helga Glassners ist sehr treffend von Otto Croy beschrieben worden (Dr. Otto Croy: Bild und Persönlichkeit. Zu den Bildern von Helga Glassner. In: Photographik, Heft 28, Juli 1940, S. 1.): „Wenn wir oben sagen, daß die Architekturaufnahmen der Wienerin Glassner »männlich« aussehen, dann deswegen, weil diese Bilder so unerhört sachlich wirken. Es spricht aus ihnen eine Objektivität, die, man könnte beinahe sagen, einer Entpersönlichung nahekommt“ [Hervorhebung A.Sch.].

 

Ästhetik des Verschwindens

Die Sachlichkeit und dokumentarische Nüchternheit der Fotografien Helga Glassners entpuppt sich in den Reiseführern von Deutschen für Deutsche nach 1939 jedoch als politische Form. Besonders in dem Prag-Band von 1941 wirkt die „entpersönlichte“, d.h. alles Zufällige eliminierende Strenge der Bilder wie eine Ästhetik des Verschwindens, die Erinnerungen an die Deportationen wachruft. Das Prag der Okkupationszeit ist hier eine „entmenschlichte Stadt“, reine Architektur ohne die übliche, hier als störend, da nicht deutsch, empfundene Bevölkerung.

 

Die einheimische Bevölkerung existiert nicht mehr, es kommen höchstens ameisenähnlich winzige Figuren ohne Charakter vor. Prag ist von dem „fremden Element“ gereinigt, die ehemals so belebten Straßen, Plätze, Kirchen, Brücken und Gärten sind wie leergefegt. Die einzigen Personen, die noch einen gewissen „Charakter“ behalten haben, sind zwei Nonnen in Rückenansicht auf der Karlsbrücke ( Abb.4 ).

 

Wiederkehr der Kälte

Vor diesem Hintergrund sind Reproduktionen dieser Bilder in Reiseführern nach 1945 besonders beklemmend. Die von allen Zufällen des alltäglichen Lebens bereinigte „Zeitlosigkeit“ der Fotografien von Helga Glassner wird unter anderem in einem 1952, also unter völlig veränderten politischen Voraussetzungen zu Beginn des Kalten Krieges erschienenen Prag-Bildband des sudetendeutschen Autors Wilhelm Turnwald wirksam, der teilweise die bereits 1941 in dem Swoboda-Buch verwendeten Aufnahmen drucken ließ.

 

Der Autor weist im Bildnachweis auch indirekt darauf hin, indem er schreibt: „Die Wiedergabe der Aufnahmen von Helga Schmidt-Glassner erfolgte mit Genehmigung des Deutschen Kunstverlages Berlin-München“, also des Verlages, der den Prag-Band von 1941 herausgegeben hatte.

 

 

Transformationen

So entspricht das Titelbild des 1952 erschienenen Bandes ( Abb.8 ) dem Foto des Altstädter Brückenturms auf S. 56 der Ausgabe von 1941 ( Abb.1 ), allerdings müssen auf einem der beiden Fotos die Wolken retuschiert worden sein, die winzigen Personen auf beiden Fotos stimmen aber überein. Dass es eventuell sogar direkte Kontakte Turnwalds zu Helga Glassner und Bitten um neue Aufnahmen gab, könnte ein Foto des Kleinen Rings in der Prager Altstadt, das ebenfalls in beiden Prag-Bänden verwendet wurde, belegen.

 

In dem Band von 1941 sind die tschechischen Bezeichnungen auf den Geschäften noch wegretuschiert worden ( Abb.6 ) – ein Hinweis darauf, dass das Foto eventuell bereits vor 1939 entstanden ist, für den Band über das „deutsche“ Prag frisiert wurde und 1952 endlich in ursprünglicher Form erschien ( Abb.7 ). Zumindest die immer auch mit der Landnahme verbundene Namenslöschung ist zurückgenommen worden. 1952 war Prag ja inzwischen wieder eine tschechische Stadt!

 

Text und Bildauswahl: Andrea Schutte.