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TEL AVIV! - Streetart aus Tel Aviv/Israel in Fotografien aus der Sammlung von Luzie Braulke und Frederick Zucchi.

 

Die Stadt

Streetart ist in Tel Aviv seit einigen Jahren unübersehbarer Bestandteil des Stadtbildes. Wer die Stadt zu Fuß durchquert, kann diese urbane Kunstform vom Zentrum bis in die Peripherie in ungewöhnlicher Dichte und Vielfalt erleben. Freilich verteilen sich die Werke ebensowenig homogen über die Stadt, wie das Stadtbild gleichförmig ist.

 

 

Die großen Alleen im Zentrum sind immer in Bewegung. Fußgänger lassen sich über die breiten Gehsteige treiben, wo sich Geschäfte und Gastronomiebetriebe nahtlos aneinanderreihen. Das Stimmengewirr von Flaneuren und Besuchern der zahlreichen Straßencafés mischt sich mit dem stets präsenten Verkehrslärm. Die Stadt strahlt gleichermaßen Dynamik und Gelassenheit aus.

 

Hier im Zentrum sind die Gehsteige mit hellem Naturstein gepflastert, die drei- bis fünfgeschossige Bebauung präsentiert sich in Weiß, Grau und Pastelltönen. Gerade wegen solcher Bilder gilt heute vielen die Bezeichnung „Weiße Stadt“ als Synonym für Tel Aviv. Dennoch meint „Weiße Stadt“ strenggenommen nur jenen Teil des Stadtkerns um den Rothschild Boulevard, der den dichtesten Bestand an Bauhausarchitektur aufweist und heute als Weltkulturerbe ausgewiesen ist. Und wer sich Tel Aviv als eine geweißelte Musterstadt denkt, sitzt einem Trugbild auf. Zwar ist das Zentrum durchsetzt mit Bauten des Internationalen Stils, dessen Formensprache sich auch in jüngeren Architekturen nachhaltig zeigt. Abgase und salzige Meerluft sorgen jedoch dafür, daß selbst in Vorzeigestraßen wie der Dizengoff Street die Farbe blättert und über manchem frischsanierten Erdgeschoß in den Obergeschossen rostige Eisenarmierungen aus dem bröckelnden Putz ragen.

 

Verläßt man das Zentrum in Richtung Süden, wandelt sich das Bild kontinuierlich und deutlich. Der Formenkanon des Stadtkerns weicht nach und nach einer Vielfalt der Architektur. Auch die verkehrs- und klimabedingten Verfallserscheinungen der Fassaden treten drastischer zutage. Hinzu kommen die vielfältigen Spuren jahrzehntelanger Nutzung. Die klare Gliederung einer Bauhausfassade kann einem Stückwerk aus vermauerten, vergrößerten oder buntverglasten Fenstern, mit Plastikjalousien geschlossenen Balkonen gewichen sein. Auf ehemaligen Flachdächern finden sich geneigte Wellbleche. Manche Fassaden sind farbig gefasst, ganz oder teilweise, ein- oder mehrfarbig. Hier, in den südlichen Stadtteilen, ist Tel Aviv voller Abwechslung in Form, Farbigkeit und Struktur. Aus der weißen wird eine bunte Stadt.

 

Die Kunst

Daran hat die Streetart einen immer größeren Anteil. Die im Zentrum noch vor allem in Höfen und Hauseingängen, auf Straßenpflaster und Stromkästen angebrachten Werke greifen auf dem Weg nach Süden zunehmend auf Hauswände, Tore und Mauern über. In Florentin oder in Jaffa schließlich liegen sie in manchen Straßen so dicht beieinander, daß man den städtischen Raum als Galerie erfahren kann.

 

 

Streetart in Tel Aviv ist äußerst facettenreich. Alle Spielarten urbaner Kunst sind vertreten. In der ungeheuren Gesamtmenge der Werke dominieren nicht etwa Bombings und Tags, sondern originelle und mitunter aufwendige Paste-Ups (Abb.1), Stencils (Abb.2; 3) und Mischtechniken (Abb.4), schwarz-weiß oder vielfarbig. Auch sieht man schlichte Zeichnungen in Filzstift und Wachsmalkreide (Abb.5). Im Süden kommen klassische Pieces, vor allem aber große und aufwendige Malereien, teilweise in Acryl, hinzu.

 

Ein kleiner Kreis von Künstlern mit großem Wiedererkennungswert ist hier sehr präsent. Häufig begegnet man etwa dem Italiener Mr. DiMaggio, dessen expressive Kopfmenschen stets stark gezeichnet, teils schwarz-weiß, teils farbig gestaltet sind (Abb.6); daneben finden sich vielerorts die introvertierten oder melancholischen Wesen von FOMA (Abb.7); KLONE sticht vor allem mit seinen „Predators“ genannten Hybridwesen (Abb.8) , aber auch mit großflächigen, surreal anmutenden Malereien hervor; der Amerikaner Zero Cents verstört mit graphisch entstellten Menschenfratzen (Abb.9).

 

 

Es ist kein Zufall, daß die großflächigen Malereien dieser hervorstechenden Künstler in Florentin und Jaffa kulminieren. Hier gibt es Gassen und Blocks mit heruntergekommenen Garagen und Lagerhäusern, Abbruchhäusern, Leerflächen und Parkplätzen; nirgendwo sonst treten Malfläche und Ungestörtheit in ähnlich geeigneter Weise nebeneinander. Die Umgebung lädt durch günstige Bedingungen den Künstler zur Gestaltung ein und beide gewinnen dabei.

 

Die Stadt als Künstler

In Tel Aviv entsteht besonders deutlich der Eindruck, daß die Kunst im Dialog mit der Stadt steht, das Stadtbild mitgestaltet und durchdringt, gleichzeitig aber auf das Vorgefundene reagiert. Hier scheint es eine Ebene der Kommunikation zwischen Kunst und Stadt zu geben, die über das Spiel mit Innen und Außen, öffentlichem und privatem Raum (Abb.10) hinausgeht.

 

Tel Aviv mit seinem Fassadenflickwerk, seinem bröckelnden Putz über durchschimmernden Eisenarmierungen, dem Gewirr von Kabeln und Leitungen an Häusern und über Straßen und Gassen, ist vor allem im Süden von inspirierender Farbigkeit und Struktur. Und vor allem in den großflächigen Malereien im Süden glaubt man, viel von diesem Gesicht der Stadt wiederzufinden.

 

Auch scheint sich der Charakter der Improvisation, den Tel Aviv hier so deutlich ausstrahlt, in der Kunst niederzuschlagen. Die Wirkung einer schlichten Zeichnung wird durch das Anbringen auf einer vorhandenen Farbfläche verstärkt (Abb.5); Rohre, Leitungen und Ketten werden ins Werk integriert (Abb.7; 11), Farbwerte aufgegriffen. Kunst und Stadt stehen in einem Verhältnis des Gebens und Nehmens.

 

 

Dazu trägt auch die anscheinend hohe Akzeptanz bei: selten finden sich Übermalungen oder teilweise abgerissene Paste-Ups. Eher staunt man bei vielen datierten Werken über das Alter. Die Lebenserwartung eines Stücks Tel Aviver Streetart scheint hoch. So ergibt es sich, daß manches Kunstwerk in einem langsamen Prozess von Klima und Material weitergestaltet wird (Abb.8). Struktur und Farbigkeit verändern sich im Einklang mit der Umgebung. Werk und Untergrund verschmelzen mehr und mehr.

 

Die Stadt mit ihrer farb- und strukturreichen angenehmen Ungepflegtheit, ihrem Hang zur Improvisation, ist Muse und Material dieser Kunst und wird am Ende mancherorts selbst zum Künstler.

 

Text und Bildauswahl: Frederick Zucchi.