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SCHNÖRKELLOS! - Die Entstuckung Berlins in Fotografien aus der Sammlung von Hans Georg Hiller von Gaertringen

 

Hybride Architektur

Die Fotografien zeigen Wohn- und Geschäftshäuser der Gründerzeit, also der Jahre nach 1870. Sie alle haben teilweise oder vollständig ihr hauptsächliches Stilmerkmal, die Stuckfassade, verloren. Zwischen etwa 1920 und 1990 wurde der Dekor mit dem Hammer abgeschlagen und die Fassaden stattdessen glatt verputzt. So stehen sie nun als „Häuser ohne Erinnerung“, wie Siegfried Kracauer 1932 kritisch anmerkte, „ohne Halt in der Zeit“. Mit glattem Putz und kantigem Umriss erinnern sie zunächst an Bauten der Moderne, aber die Gliederung von Fläche und Öffnungen verrät ihre Herkunft aus dem 19. Jahrhundert. Das eine will zum anderen nicht recht passen und ein irritierender Widerspruch tut sich auf.

 

Gerade Berlin, die Stadt des 19. Jahrhunderts, wird heute in großen Teilen von diesen baulichen Mischwesen bevölkert, allein in den Bezirken Prenzlauer Berg und Kreuzberg sind über 2.700 zwischen 1920 und 1989 entstuckte Fassaden zu finden.

 

Somit ist die Entstuckung, der die Häuser ihr Erscheinungsbild verdanken, weit mehr als eine kuriose Randerscheinung in der Baugeschichte des 20. Jahrhunderts. In ihr zeigen sich paradigmatisch die Hoffnungen und Enttäuschungen, die sich mit der Geschichte des „Projekts Moderne“ insgesamt verbanden. Die „weißen Mauern“, von denen Architekten wie Le Corbusier oder Adolf Loos träumten, waren Gegenstand einer geradezu esoterisch anmutenden Erlösungshoffnung. Der radikale Abschied vom Ornament und die Hinwendung zur vermeintlich „rationalen“, geraden Linie sollte nicht weniger leisten als die Menschen, die in den Häusern wohnten, von Grund auf zu verändern.

 

Kritik des Stucks

Die Herabwürdigung des Stucks als unschöpferisch, protzenhaft, handwerklich minderwertig, sozial unethisch und nicht zuletzt hässlich ist so alt wie die dekorierten Fassaden selbst. In ständigem Zweifel am eigenen Tun waren es zunächst die Architekten des Historismus, die an der Bauweise ihrer eigenen Zeit permanent Zweifel äußerten. Weitergetragen und radikalisiert wurde die Kritik von den Reformarchitekten um 1900, für die das Ornament trotz seiner wichtigen Rolle als Vehikel der Reform während des Jugendstil zum vordringlichen Feindbild wurde. Mit Gegenüberstellungen arbeitende Fotobände wie Paul Schultze-Naumburgs „Kulturarbeiten“ trugen dieses aus der Welt der Architektur in weite Kreise des Bildungsbürgertums, indem suggestive Aufnahmen den Protzenstil der Gründerzeit gegen das „ehrliche“ und „anständige“ Bauen des 18. Jahrhunderts oder des Biedermeier in Stellung brachten. Aber auch die Vertreter einer Moderne, die gänzlich ohne Bezug zum Gestern auskommen wollten, definierten sich vor allem aus der Ablehnung der Architektur der Gründerzeit: „Nackt, ohne Kleid. Konstruktion, Wahrheit, Monument des Verkehrs. Zeit des Eisens. Unsere Zeit. Hier haben wir uns hinzustellen. Dazu zwingt uns die Zeitenwende, in der wir leben“ (Erich Mendelsohn, 1919).

 

Moderne als Stilkleid      

Der konkrete Beginn der Entstuckung vollzog sich im Berlin der zwanziger Jahre. Für die Architekten war die modernistische Umgestaltung von Fassaden die oft einzige und deshalb sehr willkommene Möglichkeit, sich im innerstädtischen Kontext zu präsentieren. Dass diese Fassadenkosmetik allen Grundsätzen des Neuen Bauens widersprach, das eigentlich eine Entwicklung der äußeren Erscheinung aus dem Grundriss forderte, wurde von den Vorreitern der Entstuckung wie Bruno Taut, Erich Mendelsohn, den Brüdern Luckhardt oder Martin Punitzer beim Austausch der Stuckfassaden gegen Neubauten lediglich vortäuschende Straßenwände nolens volens in Kauf genommen. Für die auftraggebenden Hauseigentümer lag der Vorteil auf einer anderen Ebene: Die Abräumung des Stucks bot die Möglichkeit, auf den geglätteten Oberflächen Werbeinschriften für die im Haus untergebrachten Geschäfte zu platzieren.

 

Heute sind nur noch wenige dieser oft kreativ umgestalteten Fassaden zu finden – die prominentesten Beispiele befanden sich am Kurfürstendamm oder im Bereich der Friedrichstraße und wurden fast alle im Krieg zerstört. So sind Beispiele wie die 1929 umgestaltete „Rothe Apotheke“ in der Neuen Schönhauser Straße mit ihrer gelb-roten Streifengliederung und der dynamischen Ecke die letzten baulichen Zeugen der so genannten „Fassadenbereinigung“ der 1920er Jahre. An dem Bau erscheint heute in einem vertikalen Rücksprung der Fassade, der einst bei der Modernisierung verkleidet worden war, wieder ein Rest des Gründerzeitdekors (Abb. oberste Reihe rechts außen).

 

Bildersturm oder Pragmatismus?

Vor allem für die Zeit nach 1945, als der Stuck massenhaft und ohne großen Anspruch an die Neugestaltung abgeschlagen wurde, ist man leicht geneigt, die Beseitigung als ikonoklastische Kampfansage an die symbolischen Formen des wilhelminischen Zeitalters zu verstehen. In diesem Sinne kolportiert etwa Florian Illies in „Generation Golf“ die urbane Legende von den „Stuckabschlagprämien, die im Berlin der Nachkriegszeit verteilt wurden“. Nachweisen lässt sich eine solche programmatische Förderung der Entstuckung nicht. Es scheint vielmehr eher so gewesen zu sein, dass die von der „Kahlschlagsanierung“, also vom Abriss bedrohten Häuser von den Hausbesitzern mehrheitlich deshalb entstuckt wurden, weil sie sie so vor der vollständigen Beseitigung retten wollten. Die Glättung der Fassaden sollte in einer Art Mimikry den Nachweis erbringen, dass die Mietskasernen der Gründerzeit es optisch mit jedem Neubau aufnehmen könnten.

 

Entstuckte Fassaden als Gestaltungsaufgabe

Seit den 1960er Jahren wurde die Entstuckung mit zunehmender Kritik am „Bauwirtschafstfunktionalismus“ (Heinrich Klotz) der Nachkriegsmoderne unpopulär. Heute sind intakte Stuckfassaden wieder ein Verkaufsargument jedes Maklers. Zugleich hat man die formentleerten Fassaden als Gestaltungsaufgabe entdeckt. Sie werden bemalt, als Folie der theoretischen Auseinandersetzung mit den Wechselfällen der Stadtbauentwicklung begriffen oder zum Raum künstlerischer Intervention, wie das Beispiel der Fassade am Heinrichplatz zeigt, die 1994 von Ayse Erkmen bespielt wurde.

 

Text und Bilder: Hans Georg Hiller von Gaertringen