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BILD-SUCHER! - Die Stadtkirche St. Reinoldi in Fotografien von Schülerinnen und Schülern des 8. Schuljahres am Max-Planck-Gymnasium in Dortmund. Projektleitung: Rosa Fehr-von Ilten (Max-Planck-Gymnasium Dortmund) und Prof. Dr. Barbara Welzel (TU Dortmund) in Kooperation mit der Conrad-von-Soest-Gesellschaft und der Initiative „rettetreinoldi“.

 

Stadtsurfer?

„Stadtsurfer, Quartierfans & Co.“ heißt eine 2009 publizierte Studie, in der das Verhalten von Jugendlichen in ihrer Stadt (in diesem Fall: Hannover) untersucht wurde. Welche Routen nehmen Jugendliche durch ihre Stadt, welches sind die Zielpunkte ihrer Bewegungen? Wo halten sie sich auf, und welche Aufenthaltsorte wünschen sie sich? Erkenntnismittel waren neben Karten und Bewegungsprotokollen Stadtmodelle, die die Jugendlichen entwarfen: Man wollte das Bild, welches sich Jugendliche von ihrer Stadt machen und/oder wünschen, kennenlernen.

 

 

Kulturelle Erinnerungsorte, historische Bauten und Kulturdenkmale wurden – ebenso wenig wie Museen oder Theater – nicht als Stationen der jugendlichen Topographien kartiert. Sie spielten auch als Orientierungsmarken keine Rolle. Diese systematischen Beobachtungen decken sich mit Alltagserfahrungen in einer Stadt wie Dortmund – und sicher auch andernorts. „Die Petrikirche? Ist das die Kirche bei ‚Saturn‘?“ So lautet nur eine besonders prägnante Formulierung desselben Befundes. Zu beobachten ist, dass Bauten und Orte wie in Dortmund die städtische Hauptkirche St. Reinoldi auf den Wegen durch die Stadt im Wortsinn nicht in den Blick geraten. Oft geht man vorbei, ohne sie bewusst wahrzunehmen. Und dabei ist noch längst nicht vom Hineingehen, vom Annehmen eines kulturellen Erinnerungsortes, die Rede. 

 

Die Stadtsurfer-Studie möchte Stadtplanern Orientierung geben. Dabei setzt sie die erhobenen Befunde absolut. Die in der Auswertung aufgezeigten Perspektiven wollen – abkürzend gesagt – nur auf dem aufbauen, was die befragten Jugendlichen kartiert haben. Bildung und das Eröffnen kultureller Teilhabe, die den Zugang zur kulturellen Überlieferung und zu Orten der „Hochkultur“ einschließen, kommen in diesem Konzept nicht vor. Damit ist die Studie zugleich Zeugnis wie Agent jenes Reißens der Überlieferung, dem Holger Noltze soeben in seiner Polemik „Die Leichtigkeitslüge“ (2010) so engagiert den Anspruch einer Kulturvermittlung, welche sich der Komplexität der Phänomene aussetzt, entgegengehalten hat.

 

Doch wie kann die Arbeit am Bild der Stadt zusammen mit Jugendlichen aussehen? Wohl unstrittig ist, dass eine Kulturvermittlung ausgedient hat, welche die Sichtweisen „der Alten“ oder des „Bildungsbürgertums“ reproduzieren möchte. Gleichwohl ist Kulturvermittlung kein Peer-group-learning; sie zielt nicht ausschließlich auf die Binnenkommunikation einer In-Group. Vielmehr zirkulieren kulturelle Überlieferungen in der Kommunikation zwischen den Generationen, mehr noch: Sie benötigen den Zugang zu jenen Wissensbeständen, die nicht nur im kommunikativen Gedächtnis aufgehoben sind, sondern weiter als drei Generationen zurückreichen. Es geht um nichts weniger als den Zugang zu Schriftkultur und kulturellem Erbe.

 

 

Es gilt also, einen Dialog zwischen dem Reichtum der Überlieferung und des Wissens über diese Überlieferung auf der einen Seite und den Blickweisen und Fragen von Jugendlichen auf der anderen zu wagen. Dabei werden notwendigerweise andere Fragen gestellt, andere Interessen formuliert etc. Zum Dialog gehört dabei selbstverständlich die Neugier der Älteren auf Fragen und Sichtweisen der Jüngeren. Man kann das auch so formulieren: Finden Jugendliche, sofern man sie dorthin einlädt, einen Ort wie die Stadtkirche St. Reinoldi  in Dortmund interessant, spannend, ein lohnendes Objekt ihrer erkundenden Aufmerksamkeit? Was interessiert sie dann? Und was sehen sie? Was können sie an diesem Objekt zeigen? Was tragen ihre Sichtweisen aus?

 

Bild-Sucher!

Das Projekt „Bild-Sucher!“ wurde von zwei 8. Klassen des Max-Planck-Gymnasiums in Dortmund, von mehr als 60 Schülerinnen und Schülern, durchgeführt. Es setzte sich zunächst aus vier Blöcken zusammen: Informationen über mittelalterliche Kirchen, konkret über die Reinoldikirche in Dortmund und über den Kölner Dom – zeichnerisches Erkunden von architektonischen Strukturen; Interesse fanden hier vor allem Maßwerkstrukturen, wie sie der Kölner Dom so elaboriert besitzt – das Vorstellen von Architekturfotografien, die gotische Kirchenbauten mit künstlerischer Bildabsicht thematisieren; in Fotografien von Michael Ostermann wurden ungewohnte und formal anspruchsvolle Perspektiven auf solche Bauten und Räume zugänglich gemacht – Ortstermin in der Stadtkirche St. Reinoldi; zeichnerisches und fotografisches Erkunden des Bauwerks und seiner Ausstattung, kunsthistorische Führung. Doch kann ein Projekt, das auf den Dialog zwischen den Generationen und zwischen verschiedenen Gruppen der Gesellschaft setzt, hier nicht enden. Vielmehr gilt es, die Blickweisen der Schülerinnen und Schüler in Dialogen, die die Grenzen der Schule absichtsvoll überschreiten, fruchtbar zu machen. Den zweiten Teil des Projektes bilden daher „Veröffentlichungen“ von ausgewählten Fotos: im „Schaubüro“ – in einer Ausstellung in der Stadtkirche St. Reinoldi (Dezember 2010) – sowie schließlich in einer Postkartenserie im Kontext der Initiative „rettetreinoldi“, um sich am Engagement für den Erhalt der Kirche zu beteiligen: sowohl durch Verkaufserlöse, aber eben auch durch das Anstiften neuer Blicke.

 

 

Entstanden sind mehr als 3.000 Fotos, die einem aufwendigen Auswahlprozess unterzogen wurden. Dabei zeigt sich, dass die gewohnten „Postkarten-Blicke“ nicht den wichtigsten Stellenwert haben. In den Bildern werden in einem erheblichem Maße architektonische Strukturen „erarbeitet“: zwar dokumentarisch, aber eben nicht in der eingespielten kunsthistorisch-dokumentarischen Weise. In der Tat werden letztere Fotos – so erweisen Gespräche – als langweilig, als das schon Bekannte und Immergleiche empfunden. Sie sprechen keine visuellen Verlockungen aus, sie gelten als uninteressant. Publikationen, die nur mit diesen Bildern auskommen, wecken kein Interesse. Und weiter: Auch Bauwerke, von denen nur solche Fotos verbreitet werden, sind nicht spannend…

 

Gesucht werden von den Schülerinnen und Schülern als prägnant empfundene Bilder des Bauwerks. Wohl alle von ihnen experimentieren mit Sichtweisen auf den Turm, dessen Höhe und Form es ins Bild zu bringen galt: Untersichten, Platzierungen in der Bildfläche, enge Ausschnitte, welche einen „körperlichen“ Eigen-Sinn entfalten. Erkundet wurden Verwebungen mit dem umgebenden Stadtraum: Straßenfluchten, Laternen, Stromleitungen, Bauzäune, in weiteren Fotos Bäume, die Durchblicke geben, deren Formen mit dem Bau interagieren. In Innenaufnahmen interessieren die Fenster mit ihrem Maßwerk und die Lichtwirkung der farbigen Glasfenster, weiter werden Raumstimmungen eingefangen. Wichtig sind Detailaufnahmen, die sehr nah herangehen und dabei Ausschnitte finden, die sich nicht unmittelbar zuordnen lassen, sondern ihrerseits Raumerkundungen anstiften. Solche Bilder werden auch vom Außenbau gemacht. Zahlreiche Fotos suchen Bilder für diejenigen Seiten des Gebäudes, die dem städtischen Treiben eher abgewandt sind. Es sind dies Ansichten, die von Müllcontainern verstellt werden (es sei denn, man klettert darauf), eher versteckte Türen etc. Und auch am Außenbau werden Details in den Fokus gerückt, Ausschnitte mit skulpturalen Bauformen wie das krapfenbesetzte Fialtürmchen.

 

Fotografie ist ein naheliegendes Medium für ein solches Projekt. Alle Schülerinnen und Schüler können Fotos machen, mit einem Fotoapparat oder mit ihrem Handy. Die digitalen Aufnahmen können, auf CDs gespeichert, ohne Kostenaufwand angesehen und bearbeitet werden. Das ist eine wichtige Voraussetzung. Doch kommen offenbar zwei weitere entscheidende Faktoren hinzu. Es bedarf der visuellen Impulse für ambitionierte Bilder: nicht „knipsen“, sondern die Bild-Suche, das Finden von Perspektiven und Erkundungen eines Bauwerks. Dem dient in solchen Projekten das Vorstellen künstlerischer Positionen, die das Entkonventionalisieren des Blickes nicht als „Gegen“ inszenieren, sondern als Inwertsetzung. Zweitens sei als These gewagt: Man sieht diesen Fotos an, dass ihre Fotografen zuvor gezeichnet haben. Sie spiegeln das langsame, zwischen Darstellung und Objekt hin-und-herschauende Sehen, das den Prozess der Bild-Suche eindrucksvoll erfahrbar macht. Beide Erfahrungen scheinen wichtige Impulsgeber zu sein, um sich dann in der Fotografie als Bild-Sucher aufzumachen.

 

 

Ob diese Bilder – über die Erfahrungen, die die Jugendlichen selbst mit ihnen gemacht haben – etwas austragen? Das liegt an den Rezipienten: Lassen sich etwa Erwachsene zu einem erneuten Hinsehen anstiften? Möchten Sie mit den Augen junger Menschen auf Bauwerke schauen, für die sie längst eigene Bilder im Kopf haben? Welche Postkarten bietet eine Kirche ihren Besuchern an? Lassen sich Kunsthistoriker durch solche Bilder in ihren Bildgewohnheiten befragen? Welchen Stellenwert räumen Bildwissenschaftler solchen Bildern ein? Den „Bild-Suchern“ vom Max-Planck-Gymnasium ist dafür zu danken, dass sie eine Auswahl ihrer Fotos veröffentlichen. Sie machen damit ein konkretes Angebot für solche Verhandlungen. Kulturelle Teilhabe heißt eben auch, zum „Bild“ der Stadt beizutragen.

 

Ein solches Projekt bedarf der Unterstützung. Dank gilt besonders Birgit Franke, Michael Küstermann, Michael Ostermann und Thomas Schilp sowie Sarah Hübscher, Elvira Neuendank und Uwe Schrader.

 

Das Projekt steht in einer Folge von Modellprojekten kultureller Bildung, die Rosa Fehr-von Ilten und Barbara Welzel durchführen; ein Projekt mit Kindern eines zweiten Schuljahres ist dokumentiert in „Weltwissen Kunstgeschichte“ (2009).

 

Text: Barbara Welzel