Archiv

 

       


LICHT! - Effekte mit Licht im modernen Kirchenbau in Fotografien aus der Sammlung des EKD-Instituts für Kirchbau der Philipps-Universität Marburg

 

Lichtspiele

Flüchtiges Licht und wechselhafte Schattenspiele sind schwerlich systematisch zu sammeln und würden aus diesem Grund zunächst wohl kaum als Gegenstand eines wissenschaftlichen Bildarchivs angesehen werden. Zweifellos vermögen Fotografien solche Impressionen und Augenblickserscheinungen einzufangen und als „Lichtbilder“ den optischen Reiz der vergänglichen Phänomene zu bewahren. Doch diese Momentaufnahmen bannen Zufälle, die sich einem vorher festgelegten Reglement der wissenschaftlichen Bildherstellung weitgehend entziehen.

 

Mit wissenschaftlichen Dokumentationen verbindet sich immer wieder der Anspruch, normierte und dadurch miteinander vergleichbare Bilder zu erzielen. Der Nüchternheit und Sachlichkeit solcher Messbilder fallen überraschende Beobachtungen und Details meist als überflüssige oder störende Nebensächlichkeiten zum Opfer. Im Rahmen von Bildsammlungen dieser Art können spielerische Lichtreflexe nicht domestiziert und daher auch nicht integriert werden.

 

Aura des Zufalls

Die Bildsammlung des EKD-Instituts für Kirchbau der Philipps-Universität Marburg widerspricht dieser problematischen Bildgeschichte konventioneller wissenschaftlicher Fotoarchive. Die Strenge der polizeilichen oder denkmalkundlichen Erfassung war auf den Gegenstand und die Zielrichtung dieser Sammlung wohl auch nicht übertragbar. Ein besonders markantes Beispiel für diese unkanonische, die gängigen Kriterien wissenschaftlicher Bildherstellung zugunsten einer freieren Beobachtung umwertenden Bildpraxis ist eine Aufnahme der Kirche Sankt Anna in Essen (Abb.1) .

 

Das Bild lässt die baulichen Eigenheiten dieses 1907 errichteten Kirchenraums nur ahnen. Auf ein weit im Hintergrund befindliches Detail ist der Blick der Kamera gerichtet. Mit dieser Bedeutungsperspektive auf eine Skulptur und der leichten Schrägansicht des Kirchenschiffes greift das Bild entfernt auf ein Muster zurück, das für Innenaufnahmen in gotischen Kirchenräumen z.B. durch Richard Hamann und das Bildarchiv Foto Marburg seit den 1920er Jahren propagiert worden war.

 

Ansonsten könnte das Bild zu den Vorgaben denkmalpflegerischer Erfassung nicht gegensätzlicher sein. Das Hauptaugenmerk der Fotografie scheint weder auf den architektonischen Besonderheiten dieser Kirche noch auf ihrer Ausstattung zu liegen. Das Bild wird vielmehr von dem abstrakten Effekt einer grellen Lichtsäule dominiert, die das schräg einfallende Sonnenlicht auf den schneeweißen Lettner gemalt hat.

 

Heiliger Schein

Erst durch dieses Detail gewinnt die merkwürdige Aufnahme einen Sinn. Die Säule aus Licht bildet eine Linie zu der darunter befindlichen Pietà und scheint von dem Fotografen als ein spirituelles, über das Bildwerk wachendes Licht aufgefasst worden zu sein. Auf einem anderen Bild  (Abb.2) ist ein ähnlicher Lichtreflex als spiritueller Effekt aufgezeichnet worden.

 

Auch hier wirft das Sonnenlicht durch das Kirchenfenster einen heiligen Schein, der in diesem Fall wie eine Aura über der Predigtkanzel schwebt. Der nur für wenige Minuten sichtbare Effekt der Erleuchtung wurde von dem Fotografen dokumentiert, als würde es sich damit um das gezielte architektonische Kalkül des Baumeisters dieser Kirche handeln.

 

Lichtmagie

Spirituelle Beleuchtungseffekte im Kirchenraum sind für die Sammlung des EKD-Instituts für Kirchbau in zahllosen und zeitlich weit auseinander liegenden Bauwerken festgehalten worden. Es ist daher nur schwer möglich, den Blick und das Interesse für solche Erscheinungen historisch einzugrenzen und auf diese Weise die zumeist undatierten Fotografien des Archivs fotogeschichtlich zu ordnen. Die Bilder gehören in eine stabile und weitreichende Ikonologie der Lichtmystik, die über die Grenzen der Fotografie hinaus bis in die Malerei des Barock zurückverfolgt werden kann (Abb.3) .

 

Dass es sich mit diesen sakralen Darstellungen um Effekte handelt, die außerhalb des liturgischen Kontextes durchaus eine Modeerscheinung genannt werden können, belegt der Vergleich mit der Zeitschrift „Photomagazin“. Das 1949 gegründete Fachblatt für die „Gesamtheit aller Photobeflissenen in Deutschland“, wie es im Geleitwort des ersten Heftes hieß, kann in seiner Entwicklung als eine weltliche Parallele zur Bildgeschichte der Lichtmagie in der zeitgleich entstehenden Sammlung des EKD-Instituts für Kirchbau gelten.

 

Lichtbilder 

Vor 1960, dem Jahr der Gründung des Instituts, werden im „Photomagazin“ immer wieder effektvolle Lichtführungen empfohlen, die einen „neuen Akzent in das Motiv“ bringen würden. Das eindrucksvolle Streiflicht wird für surrealistische Kunststücke (Abb.4) empfohlen und kehrt 1949 in Werbeanzeigen für Kameras und Belichtungsmesser explizit als Visualisierung des Fotografischen wieder (Abb.5) . Eine Annonce von 1959 (Abb.6) stellt eine sehr artifizielle, letzte Variante dieser ursprünglich christlichen Symbolik dar.

 

Außerhalb des Kirchenraums ist dieser Effekt eine Manier von nur begrenzter Dauer. Unbeeindruckt davon enthält die Sammlung des 1960 seine Arbeit aufnehmenden EKD-Instituts für Kirchbau jedoch eine umfangreiche Dokumentation der Lichtmagie, die mit oder ohne Anlehnungen an die Kino- und Werbeästhetik des 20. und 21. Jahrhunderts seit 50 Jahren immer reicher wird (Abb.7-12) . Die Bilder können nicht im engeren Sinne der Kunstgeschichte bewertet werden, sondern sind vielmehr als Leistungen der Bildtheologie anzusehen. 

 

Bild-Theologie

Die 1960 eingerichtete und seitdem auf viele tausend Bilder angewachsene Fotosammlung des EKD-Instituts für Kirchbau besticht durch die enzyklopädische Fülle von Dokumenten zur Geschichte moderner Sakralarchitektur. Doch die zahllosen Fotografien von religiösen Gebäuden des 20. und 21. Jahrhunderts belegen nicht nur eine spezielle Baugeschichte, sondern sind selbst als Dokumente spezifischer Bildpraktiken und Visualisierungen zu erforschen.

 

Aus dieser Sicht enthüllen die Fotografien von auratisch anmutenden Lichtspuren und imaginären Malereien durch Licht im Kirchenraum eine bemerkenswerte Wissenschaftsgeschichte. Der Fotothek des EKD-Instituts ist eine Geschichte des theologischen Blicks eingeschrieben.

 

Erleuchtungen

In Marburg ist diese Bildgeschichte mit einer bedeutsamen Begriffsgeschichte eng zu verbinden. Die „Lichtbilder“ des EKD-Instituts für Kirchbau gehören in eine Phänomenologie des religiösen Erlebens als emotional vermittelter Erleuchtung - des so genannten „Numinosen“.

 

Rudolf Otto, der Marburger Religionsphänomenologe, hatte mit dieser Beschreibung des religiösen Erlebens als numinoser Erfahrung über die engeren Grenzen der Theologie hinaus eine bedeutsame Wirkung in der Kunst- und Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts zu entfalten vermocht. Diese – ungeschriebene - Rezeptionsgeschichte des Numinosen ergänzt sich durch die Bestände des EKD-Instituts für Kirchbau der Philipps-Universität Marburg um zahlreiche näher zu erforschende bildgeschichtliche Erscheinungen.

 

Herzlichen Dank an Claudia Breinl, EKD-Institut für Kirchbau der Philipps-Universität Marburg.