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FAHRERSICHT! - Automobile Fotografien von Mélanie Dieter

 

Mobilität des Immobilen

Seit Jahren fotografiert die in Marseille ansässige Urbanistin Mélanie Dieter Autobahnen, vorwiegend während der Fahrt. In ihrem Archiv hat sie hunderte von Fotografien gesammelt, mit denen sie vor allem zwei eng miteinander verknüpfte Aspekte von Raum und Bild untersucht: die Wahrnehmung der urbanen Umgebung aus dem Fahrzeug heraus und die Veränderung städtischer Räume durch Straßenbauwerke. Als Highways, über Brücken oder durch Tunnel hindurch sind Straßen nicht nur Mittel zum Zweck.

 

Eigenen Regeln gehorchend, kollidieren sie mit urbanen Strukturen und formen eigene Räume, wie sie unter anderem Kevin Lynch vor fünfzig Jahren in „Image of a City“ (1960) beschrieben hat. Das Bild der Stadt ist geprägt durch ihre Befahrbarkeit, die scheinbar auch das Immobile mobil werden lässt. Wie formt der Blick des Fahrers das Bauen? Passt sich das Haus dem Auto an? Nicht nur die Technik, auch die Ästhetik des Verkehrs ist dem Körper der Stadt eingeschrieben (Abb.5).

 

 

Mélanie Dieter ist damit Phänomenen auf der Spur, die sich in vielen Bereichen bedingen und ergänzen und eine Frage der Architekturgeschichte geworden sind: der Blicklenkung und Wandlung der Wahrnehmung durch das bewegte Automobil und dem Einfluss der Mobilität auf das Bauen - die Möglichkeit der Veränderung des Statischen durch das Dynamische.

 

Fensterbilder 

In welcher Weise Geschwindigkeit die Wahrnehmung verändern und auch prägen kann, faszinierte schon die Eisenbahnpassagiere im 19. Jahrhundert. Im Abteil sitzend, das Zugfenster wie einen Bilderrahmen erlebend und darin die Landschaften an sich vorbeifliegen sehend, haben Heinrich Heine, Victor Hugo oder Theodor Fontane die Phänomene des Flüchtigen und der Bewegungsunschärfe beschrieben.

 

Die Geschwindigkeit macht unsichtbar. Stabil bleibt nur, was ganz in der Ferne zu sehen ist. Nahe an den Gleisen befindliches Vordergründiges oder Einzelheiten werden unfassbar und verwischen zu farbigen Schleiern.

 

Die Bild- und Wahrnehmungsgeschichte der Bewegungsunschärfe ist begleitet von Versuchen, damit verbundene Wahrnehmungsverluste auszugleichen. Obwohl die Erfahrung mittlerweile die Vergeblichkeit solcher Versuche gelehrt hat – das Auge des mobilen Menschen sucht die Weite - bleiben auch heute die verzweifelten Bemühungen nicht aus, das für den Autofahrer allzu Nahe wieder sichtbar zu machen.

 

 

Vor allem in Südfrankreich wird durch aufwändigen und detaillierten Blumenschmuck am Fahrbahnrand den Autobahnen eine fast häuslich wirkende Atmosphäre verliehen. Was von der Pracht beim Vorüberfahren durch das Wagenfenster oder den Seitenspiegel gesehen tatsächlich übrig bleibt, sind verwischte Erinnerungen und Farbspuren, wie sie Mélanie Dieter in Serie festgehalten hat (Abb. 10).

 

Erfahrungen

Schleier und Linien sind die abstrakten Formen, die sich für den Fahrer auf das Fenster des Autos malen. Vor allem im Städtebau sind diese „Erfahrungen“ nicht sich selbst überlassen worden. Seit dem frühen 20. Jahrhundert wurden die Städte weich und flüssig, moderne Bebauungen großer Plätze und Magistralen ließen die Parzellen ineinanderfließen und zu einer Einheit werden.

 

Die Bewegungsunschärfe übertrug sich ästhetisch auf die Architektur, die nunmehr vom Verkehr gezeichnet war. Der Verkehr, so formulierte es Martin Wagner 1929 im Rahmen der beiden großen Wettbewerbe zur städtebaulichen Neuordnung von Alexanderplatz und Potsdamer Platz in Berlin, sei der „[...] Stoffwechsel der Stadt, man musste ihm nur das Bett verschaffen, das er benötigte“ und stellte folgerichtig die formgebende Wirkung der Verkehrsbahnen als Instrument des Städtebaus in den Vordergrund.

 

Bahnen der Bewegung

Damit verbunden war die Aufforderung an die Architekten, Platzfassungen zu schaffen, die den Bahnen der Bewegung folgten. Keine irritierenden Details, sondern die Berücksichtigung des in der Horizontalen bewegten Auges und die Orientierungsmöglichkeiten im fließenden Verkehr wurden zur Prämisse architektonischer Gestaltung.

 

 

In Anlehnung an die durch Lichtbänder und die Betonung der geschwungenen Horizontalen dynamisiert wirkende Architektur Erich Mendelssohns entstanden unter diesen Bedingungen rhythmisch bewegte Entwürfe, z.B. die ausgesprochen effektvollen Zeichnungen von Mebes und Emmerich, die ihre Architektur ganz in Lichtstreifen der Bewegung auflösten (Abb. 11).

 

 

Diese Hochzeit zwischen Automobil und Architektur setzte sich im gesamten 20. Jahrhundert fort, oft auch vollkommen unabhängig von einer tatsächlichen Konfrontation mit dem Automobil, wie es etwa Paul Rudolph in seinen Erläuterungen zu der bewegten Form der Fassaden seines 1962 entworfenen Altersheims „Crawford Manor“ betonte. Andere Bauten, darunter der von dem Architektenpaar Schüler und Schüler-Witte 1976 errichtete `Bierpinsel´ in Berlin und allem voran ihr ebenfalls in Berlin 1971 – 1979 erbautes ICC können nur vom Auto aus wahrgenommen werden, so sehr sind sie in das Geflecht von Verkehrsbahnen eingebunden (Abb. 01).

 

Ende und Anfang

Doch das Automobil mit seinem Benzin verbrennenden Motor ist abhängig von zur Neige gehenden fossilen Energien und daher eine aussterbende Spezies. Eine ganze Reihe kulturell prägender Rituale wie das Tanken oder das Aufheulenlassen des Motors werden untergehen.

 

Was bleiben wird, ist nicht nur eine gigantische Infrastruktur und die Realität ausufernder Siedlungen, sondern das Bedürfnis nach individueller Mobilität, das wir uns mit dem Auto antrainiert haben, genauso wie unsere visuellen und räumlichen Vorstellungen. Kein anderes Verkehrsmittel hat im 20. Jahrhundert das Leben und die räumlichen Strukturen derart intensiv und auf derart breiter Ebene geprägt, wie das Automobil. Kein anderes Verkehrsmittel wird so prägend sein durch sein Verschwinden.

 

Es gibt daher viele Gründe, gerade jetzt, in einer intensiven Phase der Neuorientierung hinsichtlich der Mobilität einschließlich aller damit verbundenen Phänomene, aber auch des Verharrens und des Umbruchs, sich mit dem Automobil und seinen räumlichen und visuellen Auswirkungen auseinander zu setzen.

 

Freiräume

Und was bleibt von der Fahrt? Neben verwischten Eindrücken sind es nicht selten eigenwillige Gebilde, die unser um die Logik der Wahrnehmung bemühtes Hirn konstruiert, um flüchtige Eindrücke in den Kontext des Vertrauten zu bringen. Die Flüchtigkeit des Augenblicks führt zu Überschneidungen und Verschmelzungen.

  

 

Die Bilder davon irritieren, sie geben dem allzu Vertrauten auch einen neuen Raum. Sind die schwarzen Stahlstützen dort Teil des Hauses oder gehören sie der davor liegenden Lärmschutzwand an? „Die Dreidimensionalität der Umgebung verschwindet durch die Geschwindigkeit der Fahrt[...],“ so Mélanie Dieters Kommentar (Abb. 02).

 

Bildauswahl und Text: Frank Seehausen.

 

Herzlichen Dank an Mélanie Dieter/ die Urbane Agentur.