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ANSICHTSSACHE! -  Das Bundeskanzleramt in Bonn in Fotografien aus der Sammlung von Merle Ziegler

 

Repräsentationen

Der Neubau des Bonner Bundeskanzleramtes diente von 1976 bis 1999 als Zentrum der Regierungsarbeit. Die in den Medien verbreiteten Fotografien zeichnen sich durch eine eigentümlich mittelbare Repräsentation des Gebäudes aus, die bis hin zur Verstellung des Blicks und Substitution reicht.

 

 

Während zur Entstehungszeit Indizien auf eine sicherheitsbezogene Bildpolitik der Demokratie hindeuten, wird im Verlauf der Jahrzehnte durch kollektive redaktionelle Selektion eine ästhetische Missliebigkeit verschleiert.

 

Öffentlichkeit und Bildselektion

Das Kanzleramt verfügte erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik über besonders ausgestattete Räume für die sogenannte „Große Lage“, das Kommunikationszentrum eines Krisenstabes. Nur wenige Menschen kannten Details über diese sensiblen Räumlichkeiten. Die Demokratie schützte sich vor ihren unbekannten Feinden durch Geheimhaltung, auch auf Ebene der Bilder: Die Bundesbaudirektion prüfte sämtliche Fotografien von der Baustelle und gab nur Unverfängliches zur Veröffentlichung frei. Sogar die übliche Eigendokumentation durch Bauleitung und Baufirmen war genehmigungspflichtig. Wie Kontaktabzüge aus dem Bundesarchiv belegen, wurden tatsächlich Aufnahmen mit Sperrvermerken versehen. Sie zeigen Erdarbeiten für die durch Abpflanzungen nahezu unsichtbare Einsatzzentrale des Bundesgrenzschutzes, dessen Beamte das Kanzlergelände Tag und Nacht sicherten. Im Bild erscheint das Kanzleramt stets als gewöhnliches Verwaltungsgebäude, dessen Sicherungsanlage, die auf der Gebäuderückseite liegt, ausgespart bleibt.

 

Öffentlichkeit und Bildproduktion

Kurz vor Fertigstellung des Neubaus schickte das Bundespresseamt Fotografen auf die Baustelle, um anlässlich der bevorstehenden Einweihungsfeier Bildmaterial zur Verfügung stellen zu können. Hinter dieser Konzession steht das in der Demokratie geltende Prinzip der Transparenz.

 

 

Es gebietet, der Öffentlichkeit Informationen über den Baufortschritt eines staatlichen 100-Millionen-Projektes zu geben. Es entstanden harmlose Aufnahmen der geschäftig wirkenden Innenausbauarbeiten.

 

Modelle und Modellfotos

stehen bei Architekturdokumentationen naturgemäß am Anfang. Der Siegerentwurf des Wettbewerbs von 1970 zeigt sich in Fotografien als blütenweiße Kubatur in schematisiertem stadträumlichen Umfeld (Abb. 1) . Erst in Fotos des später gebauten Ausführungsmodells verdeutlicht sich der Farbkontrast zwischen weißem Palais Schaumburg und dunkler Neubaufassade (Abb. 2). Dieses Modell ermöglichte bereits eine täuschend echt wirkende Fassadenansicht. Die Ausleuchtung lässt im Foto alle Formen scharf geschnitten und klar hervortreten. Diese Zukunftsvision lässt einen spätfunktionalistischen Wiedergänger der Mies van der Rohe-Bauten erahnen. Noch 1999 konnte man ein Architekturmodell im bereits durch die Bundesregierung verlassenen Kanzleramt betrachten. Die Fotografin Gabriele Kahnert fing in ihrem Foto die sich auf der Glasvitrine spiegelnde Deckenverkleidung mit ein, welche den Verwaltungsteil des Gebäudes ziert und jede Assoziation zu Mies van der Rohe konterkariert. Der Bau verdoppelt sich im Foto, ohne selbst Gegenstand der Fotografie zu sein, und wird umso treffender repräsentiert (Abb. 3).

 

Luftaufnahmen

sind  nach Abschluss der Bauarbeiten zahlenmäßig am häufigsten publiziert. Sie offenbaren die charakteristische Struktur, die sich aus mehreren Riegeln in Gitterform zusammensetzt und einen angefügten Bauteil in den Park des Palais Schaumburg hinüberschiebt (Abb. 4).

 

 

Immer wieder begegnen uns Aufnahmen, die vom Hotel Steigenberger aus gemacht wurden (Abb. 5), das auf der anderen Seite der Adenauerallee liegt: Im Bildvordergrund quert vielspurig die Hauptverkehrsachse, und dahinter erscheint vor der Kulisse von Rhein und Uferhang das Kanzleramt in Aufsicht. Ist es zu Zeiten des RAF-Terrorismus auch Absicht, dass Zufahrt und Eingänge zum Gebäude rückwärtig rheinseitig liegen und somit vom Steigenberger aus nicht einsehbar sind? Das Bild dokumentiert den Bau in allen Eigenveröffentlichungen der Bauverwaltung. Nur in einer Besprechung erschien kurz nach Ende der Bauarbeiten eine Luftaufnahme, die den Blickwinkel vom am Rheinufer gelegenen „Langen Eugen“ wählte: Eingangsvorplatz und das versetzt dahinter liegende Palais Schaumburg sind gut sichtbar (Abb. 6). Wirkte hier die wimmelnde Kleinteiligkeit des Verkehrs- und Häusermeers im Mittel- und Hintergrund optisch zu verstörend?

 

Haus ohne Ansicht.

Der Blick von oben ist wohl auch deswegen so häufig publiziert, weil dem Gebäude eine Hauptansicht fehlt: Alle Fassaden sehen rundherum exakt gleich aus, folgen strengem, sich umlaufend wiederholendem Raster. Kennt man 1,40 Meter, hat man alles gesehen. Zudem lassen sich die niedrigen, lang gezogenen Bauteile auch mit Weitwinkel immer nur ausschnitthaft ins Bild bannen, weil die Umbauung zu eng ist für einen weiter entfernten Betrachterstandpunkt. Eine Gebäudeecke zusammen mit dem Grundriss abzubilden, war für die Autoren eines Architekturführers die bessere Entscheidung (Abb. 7). Solche Fotos des Kanzleramtes werfen auch die Frage nach der Henne und dem Ei auf beziehungsweise danach, ob sich die öffentliche Meinung über das Gebäude parallel zum publizierten Bildmaterial entwickelte oder ob das Geschmacksurteil über eine Architektur die Bildauswahl beeinflusste.

 

 

Denn so gut wie alle fotografischen Ansichten des Gebäudes sind durch Zäune, Bauten, Bäume, Kunst oder alles auf einmal verstellt.

 

Verstellte Ansichten

Heinrich Klotz fotografierte das Gebäude im Februar 1976, als noch ein hellgrüner Bauzaun die Blicke abwehrte (Abb. 8). Vielleicht kletterte er an der Ecke Adenauerallee auf ein parkendes Auto, um über den Bauzaun hinüberfotografieren zu können. Die drei Fassadenköpfe wirken unkonturiert und plump. Eine Schwarz-weiß-Aufnahme vom selben Betrachterstandpunkt verschlagwortete das Bildarchiv Foto Marburg wohl aufgrund der üppigen Stacheldrahtbekrönung und infolge fehlender Farbinformation über die Materialität des Zauns getäuscht als „Bundeskanzleramt hinter Mauer und Stacheldraht“. Wie intentional war diese Assoziation zur deutsch-deutschen Grenze im Jahr 1976, als zeitgleich in Berlin der Palast der Republik fertiggestellt wurde? Und wie wirkt sich eine solche Bildunterschrift im wichtigsten Dokumentationszentrum für Architektur auf die Rezeption des Gebäudes aus? Klotz verwendete einen Ausschnitt dieser Schwarz-weiß-Fotografie noch 1984 in seiner kritischen Analyse der Bonner Staatsarchitektur, für die er die Bezeichnung „Architekturpathologie“ prägte (Abb. 9). Es hätte zu diesem Zeitpunkt bereits attraktivere Bilder gegeben, aber die unvorteilhafte entsprach der Stoßrichtung seiner Argumentation.

 

Das Substitut

Im Alltag der TV-Berichterstattung über das Kanzleramt als Ort der Regierungspolitik ersetzte nicht selten die Ansicht des etwas erhöht gelegenen Pförtnerhäuschens den Blick auf das Gebäude. Kameras drehten das Ein- oder Ausfahren von Ministerlimousinen. In ihrer monumentalisierenden Fotografie des Wachgebäudes dokumentiert Gabriele Kahnert dieses Architektur-Substitut (Abb. 10). Die kontrollierte Zugänglichkeit des Geländes brachte zusätzlich „viel Zaun“ mit in die Aufnahmen. Das Kanzleramt selbst verbreitete ab den 1980er Jahren mit Vorliebe Bilder des Gebäudes hinter größer werdender Bepflanzung, frühlingshaften Rabatten oder mit romantischen blühenden Zweigen im Bildvordergrund, die bis zur Hälfte der Bildfläche verdecken (Abb. 11). In ähnliche Funktion trat seit 1979, als Helmut Schmidt die Aufstellung lancierte, die Plastik „Large Two Forms“ des britischen Bildhauers Henry Moore.

 

 

Sie bildet seitdem auf dem zur Rasenfläche umgestalteten Vorplatz die Standard-Ansicht des Bundeskanzleramtes.

 

Die Henry-Moore-Ansicht

lebt von der Mehransichtigkeit und dem Oberflächenglanz der Goldbronze, die durch den dunklen Hintergrund der Hausfassaden besonders gut zur Geltung kommt (Abb. 12). Die Großplastik verschob den Bezugspunkt der Fotografen und hatte zudem einen hohen Wiedererkennungswert. Die Architektur wird zum Hintergrund degradiert; Kameraleute waren froh um diesen neuen visuellen Haltepunkt und erprobten immer neue Durchblicke, Anschnitte und Verdeckungen. Ein Bau verschwindet im Bildhintergrund seiner eigenen Repräsentation.

 

Bildauswahl und Text: Merle Ziegler