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ARCHITEKTEN!  - Portraitfotografie des Architekturhistorikers Heinrich Klotz (1935-1999) aus der Sammlung der HfG Karlsruhe

 

Die (Wieder-)Entdeckung der Diasammlung von Heinrich Klotz

Heinrich Klotz (1935-1999) ist der Kunstgeschichte vor allem als ebenso einflussreicher wie kritischer Architekturhistoriker und unermüdlicher Wissenschaftsorganisator des 20. Jahrhunderts in Erinnerung geblieben.

 

Der Autor von Standardwerken über die „Kunst des 20. Jahrhunderts“ oder die „Revision der Moderne“ über postmoderne Architektur, gründete neben der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe (HfG) 1979 das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt am Main und 1988 das ZKM in Karlsruhe.

 

 

Weniger bekannt ist, dass Klotz auch ein eigenwilliger und sehr produktiver Fotograf gewesen ist. Für seine Publikationen und vor allem für seine Seminare und Vorlesungen während seiner Lehrtätigkeit in Yale, Marburg und Karlsruhe hat Klotz auf Exkursionen und in persönlichen Begegnungen mit Architekten und Künstlern eine umfangreiche Kleinbild- und Diafotografiesammlung geschaffen.

 

Nach dem Tod von Heinrich Klotz 1999 wurde ein Teilnachlass von über 9000 Color-Kleinbild-Diapositiven durch Gertrud Klotz der HfG Karlsruhe übergeben. In Seminaren oder Vorträgen fanden die Dias aufgrund der Umstellung auf Beamer-Präsentation aber kaum noch Verwendung. Obwohl die Dias digitalisiert wurden, hatten nur wenige Studenten und Mitarbeiter überhaupt Kenntnis von deren Existenz und herausragender Qualität.

 

Bei der Suche nach Exponaten für meine Diplom-Ausstellung mit dem Thema Architekturdarstellung an der HfG, Szenografie und Ausstellungsdesign/ kuratorische Praxis, stieß ich dort eher zufällig auf diese außergewöhnliche nachgelassene Diasammlung von Heinrich Klotz. 

 

Das Heinrich Klotz - Bildarchiv umfasst zahllose Fotografien von Bauten, aber auch etliche Portraits von Architekten wie Alvar Aalto, Mario Botta, Gottfried Böhm, Wolfgang Döring, Gordon Bunshaft, Frank O. Gehry, Bertrand Goldberg, Thomas Gordon Smith, Aldo van Eyck, Hans Hollein, Hugo Häring, Arata Isozaki, Helmut Jahn, Philip Johnson, J.P. Kleihues, Rem Koolhaas, Leon und Rob Kriér, Leo Ludwig, Charles W. Moore, Frei Otto, Richard Meier, Reichlin + Reinhart, Kevin Roche, Aldo Rossi, Paul Rudolph, Renzo Piano, Moshe Safdie, Otto Steidle, James Stirling, Stanley Tigerman, Oswald Mathias Ungers, Frank Lloyd Wright,  Robert Venturi und Denise Scott Brown.

 

 

Daneben finden sich aber auch zahlreiche Portrait- und Atelieraufnahmen von Malern der „Neuen Wilden/Heftigen“ Rainer Fetting, Helmut Middendorf, Bernd Zimmer, Peter Bömmels, Salomé u.a.. Dieser zunächst überraschende Bestand im Bildnachlass eines Architekturhistorikers entstand parallel zu den Recherchen von Heinrich Klotz für einen Sammelband mit Interviews dieser Maler.

 

Aktualität durch Individualität

Ich war sofort fasziniert von der Frische und Lebendigkeit der Architekturaufnahmen, besonders denen postmoderner Architektur. Um der Plastizität und Vielgesichtigkeit dieser komplexen Architektur gerecht zu werden, scheint die ungewöhnliche Bildpraxis von Klotz geradezu ideal. Die starke Subjektivität der Bilder, die stets den lokalen Kontext mit einbeziehen und ungewöhnliche Perspektiven, Blickwinkel und Details beinhalten, sind nach meinem Empfinden dokumentarisch mindestens ebenso relevant wie eine nach allen Regeln der kunstwissenschaftlichen Dokumentarfotografie erstellte Abbildung.

 

Vermeintlich objektive Formen etablierter (Architektur-)Dokumentation lehnte Heinrich Klotz ganz bewusst ab, was auch einige verstreute Bemerkungen über Architekturfotografie, z.Bsp. in der Einleitung seiner Habilitationsschrift über Filippo Brunelleschi, belegen. Eine „essayistische“, spontane und subjektive Wahrnehmungs- und Abbildungsweise von Kunstwerken und Architektur war Heinrich Klotz stets ein großes Anliegen. 

 

Damit hat Klotz ein aktuelles Konzept von Individualität und auch Interdiziplinarität in Kunst und Wissenschaft auf visionäre Weise realisiert: im Schreiben, Lehren und Zeigen. Sein Wirken ist unmöglich auf eine Berufsbezeichnung festzulegen oder auf seine akademische Tätigkeit allein zu beschränken; privat und öffentlich stellten für Klotz als Wissenschaftler und Intellektuellen keine getrennten Kategorien dar. Klotz entspricht so dem Typus des „Künstler-Kurators“ auf ganz zeitgemäße Weise. Dies macht seine Aufnahmen für mich -  abgesehen vom Bildinhalt - so spannend und relevant.

 

 

Klotz wird von Freunden und Kollegen stets als eine überaus charismatische Persönlichkeit mit herausragender rhetorischer und menschlicher Überzeugungskraft beschrieben. Er pflegte zahlreiche Freundschaften zu herausragenden Architekten und Künstlern seiner Zeit, war ein unermüdlicher Netzwerker und Initiator. Die hier präsentierten Architektenportraits stellen nur einen kleinen Bruchteil seiner weltumspannenden Kontakte dar.

 

Die Ausstellung POSTMODERNE PROJEKTION

In der von mir konzipierten und realisierten Ausstellung „POSTMODERNE PROJEKTION. Das Heinrich Klotz - Bildarchiv der HfG Karlsruhe“ über und mit den Dias von Klotz, machte ich mir seine Betonung des Subjekts in kuratorischen und gestalterischen Fragen zu eigen und präsentiere einen sehr persönlichen Ausschnitt der vielen tausend Bilder mit dem Schwerpunkt Architektenportraits und postmoderne Architektur.

 

Vertreter der Postmoderne lernte Heinrich Klotz sehr früh, Ende der 60er Jahre, aufgrund seiner Lehrtätigkeit an der Yale University in den USA kennen und er war einer der ersten Architekturtheoretiker, die postmoderne Architektur überhaupt beachtens- und abbildenswert fanden. Schließlich machte Klotz die Postmoderne, die erste große Architekturepoche nach der Klassischen Moderne, auch mittels seiner Bilder in Publikationen und Vorträgen in der ganzen Welt bekannt.

 

Die Bilder von Heinrich Klotz wurden in der Ausstellung in ihren unterschiedlichen medialen Erscheinungs- und Gebrauchsformen parallel präsentiert - als Objekt auf dem Leuchttisch, als Projektion, auf der Website und als Print-Reproduktion im Buch bzw. Ausstellungsflyer. Auf diese Weise sollte auf Widersprüche in der Bildrezeption von Fotografie- und Architekturgeschichte subtil hingewiesen werden. Eine nostalgisch-naive Präsentation war nicht beabsichtigt.

 

 

Die Tiefe, Breite und Aktualität der grundlegenden Fragen, die sich im Umgang und in der Bewertung dieser Bilder auftaten, ist bemerkenswert: Zunächst ist die Untersuchung der Postmoderne ein für die heutige Generation der Gestalter eine wichtiges und inspirierendes Unterfangen.

 

Zugleich rücken Themen der Bildwissenschaften, die Umstände der Bildproduktion, -reproduktion und -rezeption, die Geschichte der Fotografie, der Dokumentation und Präsentation von Kunst und Bauwerken in der Kunstwissenschaft, das analoge und das digitale Bildarchiv u.s.w. durch die Beschäftigung mit den Klotzschen Bildern in den Fokus und bereichern damit gegenwärtige Debatten.

 

Text und Bildauswahl: Julia Brandes/ Heinrich-Klotz-Archiv der HfG Karlsruhe.